MUSIC NEWBORN - Oliver Hirsh

Temperierung

 

Die Musik im Kopf

Muss Musik Luft in Schwingung bringen, um klingen zu können? Wie verhält es sich, wenn wir ein Konzert oder einen Gottesdienst verlassen, und das eben gehörte Stück im Gedächtnis nachklingt? Oder wenn ein Komponist über eine Melodie brütet ohne sie zu singen oder zu spielen? (Riisager sah jemanden beim Notenlesen weinen.)

Stimmt es?

Um gleich zu unserem Thema zu schreiten: ist unsere Vorstellung temperiert? Oder braucht die vorgestellte Struktur eine Stimmung um wahrnehmbar zu sein? Jemals probiert, sich eine Tonleiter im Kopf vorzustellen? Und dabei gestaunt, dass man unbegrenzt vom Umfang der menschlichen Stimme immer weitersteigen kann?

Und im Raum

Können wir eine reine Quinte erkennen, wenn wir eine hören? Eine Terz? Klar, so weit wir uns von gleichschwebender Herrschaft frei machen. Beweisen? [5, 3] Geht es, eine Reihe von verschiedenen Dreiklängen wirklich sauber zu singen? [Beispiel probieren, in jedem Takt die Reihenfolge beachten, alle Töne halten]

Viel schwieriger wird es auf gestimmten Instrumenten, weil weder Quinten noch Terzen, aufgestapelt, zur Oktave passen: dazu ist die 2:3 Naturquinte zu groß, die 4:5 Terz viel zu klein.

Schlichtung im Streit

Sobald der Dreiklang eine zentrale Rolle einnimmt, entsteht die große Verhandlung zwischen 5 und 3. Weil die Terz – besonders bei akkordisch gespielten Instrumenten – entscheidende klangliche Bedeutung ausübt, wurde die reine Großterz als Maß für Temperierung genommen. Sie verleiht Ruhe, besänftigt die unvermeidliche Schwebung, die den Quinten zugewiesen wird.

Mitteltönigkeit

So heißt das System, das in der Musikgeschichte lange auf Orgeln angewendet wurde. Innerhalb von 12 Tönen pro Oktave hat man 8 herrliche Großterzen, wenn auch teuer gekauft: die restliche müsste man eigentlich als verminderte Quarten bezeichnen: also eine Hexe für jede zwei Engel. Hier gibt es weder Zirkel noch enharmonischen Kompromiss: man muss zwischen dis und es wählen.

Der Entdeckerdrang

Der Wunsch, weitere Tonarten besuchen zu können, führte dazu, dass man mehr als 12 Tasten je Oktave in die Klaviatur einbauen musste, wobei die Spirale ein bisschen verlängert wurde, mit ein paar sauberen Terzen mehr. Subsemitonien sind nicht nur in Italien eingeführt, wie bei der Harfe, sondern laut Ibo Ortgies ist diese Praxis auch in einigen norddeutschen Orgeln bezeugt.

Auflockerung

Christopher Stembridge hat in verschiedenen Artikeln eine handschriftliche Quelle zitiert, die eine Anweisung enthält, wie man die reine Mitteltönigkeit ein bisschen aufweichen und dabei eine wichtige Quinte (G – D) begünstigen könnte. Indem vier [fünf?] Töne höher gestimmt wurden, opfert man zwei reine Terzen und zwei andere werden leicht kompromittiert.

Wohlig temperiert

Soll Chromatik ohne Grenzen unter den vorhandenen 12 Tönen möglich sein, bedarf es eine ungleichmäßige Verteilung der Unsauberkeit. Im Lauf des Barock sind verschiedene Systeme lanciert worden, die die Spirale zusammenfügten, das Loch im Zirkel schloss, etwa zum Oval. Leider wird immer noch behauptet, dass Bach die gleichschwebende Stimmung benutzte, ja, sogar eingeführt haben sollte. Nein, sein genialer Kompromiss hat manch zerquetschte Quinte mit guten Terzen beruhigt, dagegen schrillen Terzen mit sauberen Quinten aufgewogen.

Nicht ohne Grund berichtet Bachs Sohn; „die Stimmung war immer gut!“. Sie hätte unmöglich aus lauter gleich schmutzigen Intervallen bestehen können, aber hat allen freundlich behandelt, und viel Reiz in Form von Charakterunterschieden festgehalten. Ein Musterbeispiel von gelungener Integration?

 

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